Den Mut haben, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren

Porträtfoto auf blauem Grund von Melissa Henne.

Foto: Melissa Henne

Wel­che ethi­schen Fra­gen müs­sen beant­wor­tet wer­den, wenn tech­ni­sche Unter­stüt­zungs­sys­te­me für Men­schen mit Behin­de­run­gen ent­wi­ckelt und erprobt wer­den? Ein Gast­bei­trag von Dr. Melis­sa Hen­ne, Pro­jekt­lei­te­rin bei Bethel.regional, einem Stif­tungs­be­reich der v. Bodel­schwingh­schen Stif­tun­gen Bethel.


Die Digitalisierung unserer Gesellschaft bietet für Menschen mit Behinderungen viele Chancen. Mit großer Dynamik werden neue Systeme entwickelt, die bei der alltäglichen Lebensführung unterstützen können. Dabei handelt es sich einerseits um Systeme, die speziell für Menschen mit Behinderungen entwickelt werden, um z. B. Beeinträchtigungen zu kompensieren. Andererseits bieten inzwischen auch viele allgemeine Technologien, die sich an ein breites Spektrum von Nutzerninnen und Nutzern wenden, Möglichkeiten der Unterstützung im Alltag. So können Handyfunktionen wie Sprachsteuerung oder Navigation für viele Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen eine große Hilfe im Alltag sein.

Für das Sozialwesen besteht aktuell die Herausforderung, sich mit all diesen Entwicklungen zu beschäftigen, Technologien mit ihren Möglichkeiten und Grenzen einzuschätzen, Kompetenzen im Umgang damit zu entwickeln, die Nutzung in die fachlichen Konzepte zu integrieren etc.; und dies alles, bei in der Regel fehlenden Finanzierungsstrukturen für die Anschaffung und Wartung der Systeme oder die Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Trotz dieser Herausforderungen und des hohen Aufwands ist es wichtig, sich mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen und das, was für die Praxis sinnvoll erscheint, auch auszuprobieren. Dafür braucht es Mut, denn die meisten Systeme sind neu und ungewohnt und zudem so komplex, dass die Auswirkungen ihrer Nutzung nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Aber nur durch eine solche Auseinandersetzung und Erprobung können wir zu einer guten Einschätzung kommen, welche Systeme sinnvoll sind und welche nicht.

Das SeWo-Programm setzt genau an dieser Herausforderung an, indem Träger bei der Erprobung neuer Technologien unterstützt werden, sowohl finanziell, als auch durch begleitende Prozesse für Diskussion und Austausch. Gut, dass es Anbieter gibt, die den Schritt ins Ungewisse wagen, neue Systeme erproben und von ihren Ergebnissen berichten, so dass auch andere davon profitieren.

Vielzahl ethischer Fragen

Bei der Auseinandersetzung mit solchen Systemen, wie sie z. Beispiel im Rahmen des SeWo-Programms geplant sind, sollten neben Fragen der Akzeptanz oder der einfachen Bedienbarkeit auch ethische Aspekte betrachtet werden. Denn die Nutzung neuer Technologien wirft eine Vielzahl ethischer Fragen auf. So gibt es z. B. eine Reihe von Fragen nach Gerechtigkeit: Wer erhält Zugang zu neuen Technologien? Braucht es dafür bestimmte Voraussetzungen, zum Brispiel ein gewisses Maß an Bildung, um damit umgehen zu können? Wie werden die Systeme finanziert? Gibt es zukünftig mehr Technologien, die durch das soziale Sicherungssystem getragen werden? Welche Systeme müssen Nutzerinnen und Nutzer gegebenenfalls selbst finanzieren?

Darüber hinaus stellen sich Fragen zu unseren zwischenmenschlichen Beziehungen: wie verändern sich Beziehungen durch den vermehrten Einsatz von Technologien? Wie verändert sich Kommunikation? Kommt es zu sozialer Isolation? Wie verändert sich Fürsorge? Was macht gute, menschenwürdige Unterstützung von Menschen mit Behinderungen unter Nutzung von Technologien aus? Wo sollten gegebenenfalls Grenzen solcher Anwendungen gezogen werden?

Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven

Bei der Reflexion derartiger Fragen sollten unterschiedliche Perspektiven Berücksichtigung finden. Hier ist zunächst die individuelle Situation des Nutzers bzw. der Nutzerin zu betrachten. Welche individuellen Chancen bietet ein System für eine Person, wo liegen die spezifischen Risiken? Hierbei sollten die betroffenen Personen möglichst selbst beteiligt werden, wofür spezifische Herangehensweise erforderlich sind. So kann zum Beispiel die Entwicklung von Reflexionsformaten in einfacher Sprache notwendig sein.

Zudem sollte die Ebene der Organisation betrachtet werden, etwa aus Sicht eines Anbieters in der Eingliederungshilfe. Was bedeutet der Einsatz einer neuen Technologie beispielsweise für das Team der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Wie ändern sich Arbeitsabläufe? Welche Kompetenzen benötigen sie für den Einsatz?

Schließlich sollte die Reflexion auch aus einer übergeordneten Perspektive heraus erfolgen, das heißt aus Sicht der Gesellschaft insgesamt. Denn manche Systeme, die für eine einzelne Person sehr passend erscheinen, werden aus Sicht der Gesellschaft insgesamt eher kritisch betrachtet.

Erprobung von Herangehensweisen

Bisher gibt es leider wenig Ansätze, mit denen Projekte, wie die im Rahmen des SeWo-Programms, neue Systeme und ihre Nutzung ethisch reflektieren können. Hier müssen noch mehr Herangehensweisen entwickelt und erprobt werden. Eine Möglichkeit ist die Formulierung von Leitlinien, die grundsätzliche Zielsetzungen und auch Grenzen verdeutlichen. Träger von Angeboten im Sozialwesen können solche Leitlinien entwickeln und dadurch Nutzerinnen und Nutzern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine gute Orientierung bieten.

Um einzelne Systeme näher zu betrachten, kann zum Beispiel das „Modell zur ethischen Evaluation soziotechnischer Arrangements“ (Kurz: MEESTAR) genutzt werden. (Vgl.: Manzeschke, Arne et al. (2013): Ergebnisse der Studie «Ethische Fragen im Bereich Altersgerechter Assistenzsysteme». Berlin: VDI.) Anhand von Fallbeispielen werden dabei einzelne Systeme reflektiert. Dies erfolgt aus den drei oben beschriebenen Perspektiven des Individuums, der Organisation und der Gesellschaft. Solche Reflexionsprozesse können zum Beispiel im Rahmen von Workshops durchgeführt werden. Daran könnten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Projekts, Vertreterinnen und Vertreter des SeWo-Programms sowie zukünftige Nutzerinnen und Nutzer und/oder ihre Angehörigen mitwirken und gemeinsam die geplanten Systeme einschätzen.

Darüber hinaus ist es wichtig regelmäßig im Gespräch zu bleiben. Die neuen Systeme sollten sowohl vor ihrem Einsatz reflektiert werden, als auch währenddessen. Sollte sich zeigen, dass eine Technologie negative Folgen mit sich bringt, muss auch erwogen werden, sie wieder abzustellen bzw. abzuschaffen. Auch für solche Entscheidungen braucht es Mut.

Porträtfoto von Melissa Henne.

Foto: Melissa Henne

Dr. Melissa Henne ist als Projektleitung für Bethel.regional, einen Stiftungsbereich der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel tätig. Sie hat eine Reihe von Forschungs- und Entwicklungsprojekten zur Entwicklung und Erprobung technischer Unterstützungssysteme im Sozialwesen begleitet. Im Rahmen einer Dissertation hat sie sich mit den ethischen Fragen des Einsatzes solcher Technologien auseinandergesetzt. In Ihrem Beitrag zu unserer „Ideenschmiede inklusives Wohnen“ formuliert sie einige grundsätzliche Überlegungen zum SeWo-Programm und der dabei erforderlichen ethischen Reflexion.