15 aus 45: Eine viel­fäl­ti­ge Aus­wahl inno­va­ti­ver Wohn­kon­zep­te

Ein inklusives Wohnhaus in Bochum von außen

Foto: LWL/Martin Steffen

Seit dem Start des SeWo-Pro­gramms im Som­mer 2017 ist vie­les pas­siert. Im Inter­view erklä­ren die bei­den Pro­jekt­lei­ter des Pro­gramms, Bian­ca Rode­kohr und Sören Roters-Möl­ler, wie die inklu­si­ven Wohn­pro­jek­te in einem Ide­en­wett­be­werb aus­ge­sucht wur­den und wie es nun wei­ter­ge­hen wird.


Frau Rodekohr, Herr Roters-Möller, Sie leiten das SeWo-Programm und begleiten die Wohnprojekte auf ihrem Weg. Wie haben Sie entschieden, dass es genau diese 15 Projekte unter den insgesamt 45 Bewerbungen werden sollen?

Für uns ist wichtig, dass wir auch eine Ideenschmiede für technische und konzeptionelle Innovationen beim Inklusiven Wohnen sein wollen. Wir sind also ausdrücklich kein reines Bauprogramm. In den Wohnungen soll qualitativ etwas Neues entstehen – und genauso auch im Wohnumfeld. Wir sind also sehr offen an die Sache herangegangen und haben uns auf die Suche nach guten, innovativen Ideen gemacht, die genau das bieten. Damit wir solche inklusiven Wohnkonzepte entwickeln und umsetzen können, brauchen wir natürlich viel Gestaltungsspielraum. Unser erster Schritt war deshalb ein Ideenwettbewerb, den wir im Juni 2017 gestartet haben. Bis Mitte Oktober haben uns 45 Ideenskizzen erreicht, die übrigens nicht nur von Trägern der Behindertenhilfe kamen, sondern auch von einer Elterninitiative, einer Selbsthilfevereinigung oder einem Architekten. Das war eine tolle Resonanz.

Wie haben Sie die Projekte ausgewählt?

Wir haben alle Skizzen genau studiert und anschließend mit den Regionalplanern des LWL darüber gesprochen, welcher Bedarf an inklusivem Wohnraum in den jeweiligen Regionen besteht und welche Ideen sie vor diesem Hintergrund für besonders geeignet halten würden. Am 30. Januar 2018 haben wir dann einer Jury alle Skizzen vorgestellt und gemeinsam die besten Projektideen ausgewählt. Was dabei herausgekommen ist, finden wir sehr überzeugend. In den Projekten sind ganz unterschiedliche Zielgruppen vertreten, die Wohnkonzepte sind gut verteilt in Westfalen-Lippe und werden in ganz verschiedenen Quartieren umgesetzt: Vom Dorf bis zu Großstadt ist alles dabei.

Wie geht es jetzt weiter?

Im April 2018 haben wir alle 15 ausgewählten Projekte offiziell als Gewinner des Ideenwettbewerbs bekanntgegeben. Dann haben wir jeweils ein intensives Auftaktgespräch mit den Verantwortlichen geführt – und dabei wurde deutlich, dass alle Projekte sehr unterschiedlich an den Start gehen werden. Einige haben bereits ein Grundstück und die Vorarbeiten sind schon erledigt. Sie brennen nun regelrecht darauf, endlich loszulegen. Andere suchen noch ein Grundstück, was sich je nach Ort und dortigem Wohnungsmarkt noch länger hinziehen könnte.

Die Projekte werden also unterschiedlich viel Zeit brauchen, bis die Mieterinnen und Mieter mit Behinderungen dort einziehen können?

Ja, auf jeden Fall, weil die Vorbedingungen je nach Ort und Projekt einfach sehr verschieden sind. Das ist aber zugleich auch das Spannende daran. Wir haben uns ja bewusst für einen Ideenwettbewerb entschieden, der neue und ungewöhnliche Wege skizzieren soll. Die Projekte müssen zum Beispiel im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus möglich sein und gleichzeitig die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen erfüllen. Wir suchen also immer auch nach guten Kompromissen, um die Ziele des Programms zu erreichen.

Was eint die Projekte aus Ihrer Sicht?

Alle Initiativen planen Wohnungen, die von den Menschen mit Behinderungen selbst angemietet werden. Dafür schließen wir mit einem Träger vor Ort als Kooperationspartner einen Vertrag über 20 Jahre. Wir als SeWo gGmbH treten als Vermieter auf und können so garantieren, dass die Mieterinnen und Mieter auch auf Dauer in ihren Wohnungen bleiben können. Sie können also langfristig von der technischen Unterstützung profitieren, die in den Konzepten immer mitgedacht wird und die wir idealerweise auch gleich gemeinsam mit den angehenden Mieterinnen und Mietern planen. Wir wollen außerdem genau definieren, was die Fachkräfte für Quartiers- und Teilhabegestaltung vor Ort tun sollen und was ihre Rolle im jeweiligen Projekt sein wird.

Wie wichtig ist es, dass die 15 Projektpartner sich untereinander austauschen?

Sehr wichtig. Sie müssen untereinander gut vernetzt sein, damit sie ihre Erfahrungen miteinander teilen können – denn die Baugrundstücke und Quartiere sind zwar unterschiedlich, aber letztlich stehen ja alle Projekte vor den gleichen Herausforderungen. Dafür diente unter anderem unsere Auftaktveranstaltung am 5. Juni, bei der sich alle kennenlernen konnten. Diesen Austausch werden wir aber auch weiterhin fördern, zum Beispiel mit Workshops. Auch dieser Blog ist ein wichtiges Instrument, weil wir hier neben Infos und Tipps auch immer wieder Neuigkeiten zu den einzelnen Wohnprojekten veröffentlicht werden. Wir machen zugleich also auch die Diskussion rund um unser Programm und die Anregungen, die daraus entstehen, für alle Interessierten transparent und öffentlich. Wer sich mit den Möglichkeiten des Inklusiven Wohnens, aber auch mit den Hürden auf dem Weg in ein selbstständiges Leben im Quartier auseinandersetzen möchte, der wird in unserer Ideenschmiede in den kommenden Monaten und Jahren sicher fündig werden.


Bianca Rodekohr und Sören Roters-Möller leiten für die Selbstständiges Wohnen gGmbH, eine Tochterfirma des LWL, das SeWo-Programm zum Selbstständigen Wohnen für Menschen mit wesentlichen Behinderungen.

Bianca Rodekohr, Projektleiterin bei der SeWo gGmbH

Foto: LWL

Bianca Rodekohr studierte Geographie und arbeitete anschließend unter anderem als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Teilhabeforschung der Katholischen Hochschule NRW (KatHo NRW). Hier war sie an verschiedenen Forschungsprojekten beteiligt, unter anderem an: ‚SoPHiA – Sozialraumorientierte kommunale Planung von Hilfe- und Unterstützungsarrangements für Menschen mit und ohne lebensbegleitende Behinderung im Alter‘, ‚Evaluation inklusiver Quartiersprojekte‘ und ‚Modelle der Unterstützung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter innovativ gestalten‘. Sie stellte die Erkenntnisse der Projekte in Vorträgen der (Fach-)Öffentlichkeit und Politik vor, veröffentlichte Fachartikel zu den Themen ‚Inklusive Sozialplanung‘ und ‚Behinderung im Alter‘ und ist Mitglied im ‚Arbeitskreis Quartiersforschung‘ der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG).

Foto: LWL

Sören Roters-Möller studierte Pädagogik und arbeitete anschließend im Modellprojekt ‚Unterstützter Ruhestand‘ mit sowie als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Westfälischen Wilhelms-Universität im Forschungsprojekt ‚Den Ruhestand gestalten lernen‘. Er forschte darüber hinaus in den Projekten ‚LebensGeschichten‘ und ‚Heilpädagogik im Wandel‘ an der Alanus-Hochschule. Sein Wissen aus den Projekten gab er bundesweit in Schulungen und Fortbildungen an Fachkräfte der Behindertenhilfe weiter, veröffentlichte Fachartikel zu den Themen Behinderung und Alter und bildete sich außerdem zum Natur- und Wildnispädagogen weiter.