Ohne Quar­tiers­ar­beit kei­ne Inklu­si­on

Sofie Eichner und Matthias Sauter von der StadtRaumKonzept GmbH. Foto: StadtRaumKonzept GmbH

In Nach­bar­schaf­ten und Stadt­tei­len ist alles vor­han­den, was zu einem Gelin­gen von Inklu­si­on bei­tra­gen kann. Es braucht aber Akteu­rin­nen und Akteu­re, die vor­an­ge­hen, sowie Rah­men­be­din­gun­gen, die unter­stüt­zend wir­ken, sagen Sofie Eich­ner und Dr. Mat­thi­as Sau­ter vom Dort­mun­der Stadt­pla­nungs­bü­ro Stadt­Raum­Kon­zept, die der­zeit unter ande­rem einen „Leit­fa­den für eine inklu­si­ve Quar­tier­s­ent­wick­lung“ im Auf­trag der Stadt Frei­burg erar­bei­ten.

Welche Bedeutung hat das Quartier, damit die Inklusion in einer Nachbarschaft oder in einem Stadtteil gelingt?

Sofie Eichner: Die Erfahrung zeigt: Gesamtstädtische und zielgruppenspezifische Maßnahmen reichen für die Verwirklichung der Inklusion nicht aus, so wichtig sie auch sind. Notwendig sind immer auch quartiersbezogene Handlungsansätze, die unmittelbar in die lebensweltlichen Bezüge von Nachbarschaft und Gemeinwesen hineinwirken. Für die beteiligten Akteure ist das Quartier dabei nicht nur eine zentrale Handlungsebene, sondern zugleich auch eine wichtige Ressource. Gleich mehrere Gründe sprechen dafür: Im Quartier lässt sich eine größere Nähe zu den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie zu deren Alltag herstellen. So zeigen sich zum Beispiel die Bedarfe von alten und behinderten Menschen häufig in deren individuellen Nahräumen. Auf Quartiersebene finden sich zudem wichtige Informationen über die konkreten örtlichen Gegebenheiten, Barrieren, Bedarfslagen und Potenziale (z.B. bewohnerschaftliches Engagement). Auch zu den lokalen Einrichtungen, Akteuren und Netzwerken können so leichter Kontakte aufgebaut werden. Dadurch wird es möglich, für die einzelnen Quartiere passgenaue lokale Lösungen zu entwickeln. Denn jedes Quartier ist anders.

Matthias Sauter: Ohne eine starke Anbindung an die Quartiere bleibt Inklusion ein unvollständiges Konzept. Erst im Quartier wird sie mit Leben gefüllt, weil dort, wo die Menschen leben, Inklusion kein abstraktes Thema, sondern eine Aufforderung zu ganz konkretem Handeln ist. Deshalb gelingen im Quartier auch Bewusstseinsbildung und die entsprechenden Lernprozesse besonders gut. Dort gibt es außerdem bereits zahlreiche Einrichtungen, Netzwerke und Angebote, in denen Inklusion gelebt wird oder die dafür wichtige Potenziale bieten. Hinzu kommen vielfältige inklusive Einzelmaßnahmen, die bereits existieren. Daran kann man anknüpfen, wenn man direkt vor Ort tätig und präsent ist.

Welche Rolle haben die Kommunen bei der Umsetzung der Inklusion?

Matthias Sauter: Inklusion braucht die Kommune für drei Dinge: für eine organisierte Bewusstseins- und Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel über öffentliche Diskussionsveranstaltungen, für eine aktive Koordination und Steuerung des Gesamtprozesses sowie für die Schaffung von unterstützenden (politischen, konzeptionellen, finanziellen und organisatorischen) Rahmenbedingungen. Bislang haben die Kommunen keinen gesetzlichen Planungsauftrag zur Verwirklichung der Inklusion. Aufgrund der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Bundesregierung im Jahr 2009 ist hier aber eine neue Situation entstanden: Inklusion ist dadurch zu einem gesellschaftlich und politisch verbindlichen Paradigma geworden, das auch die Kommunen in die Pflicht nimmt. Alle Bereiche der kommunalen Verwaltung – Ämter, Dienste, Einrichtungen, Gesellschaften – sind nun aufgefordert, im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten zu prüfen, welche Beträge sie zum Abbau von Barrieren und zur „Enthinderung“ der Gesellschaft leisten können. Damit ist die Gewährleistung einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu einer zentralen Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge geworden. Wie die Kommunen diese Aufgabe angehen, ist ihnen aber weitgehend selbst überlassen. Die bestehenden Gestaltungsspielräume werden in der Praxis dementsprechend sehr unterschiedlich genutzt.

Sofie Eichner: Ein Grund dafür ist, dass immer noch erhebliche Unsicherheiten darüber bestehen, wie mit dem Umsetzungsauftrag der Konvention auf kommunaler Ebene planerisch umzugehen ist. Zwischen den hohen Ansprüchen der Konvention und den begrenzten (personellen und finanziellen) Möglichkeiten der Kommunen, diesen Ansprüchen zu genügen, besteht ein großes Spannungsfeld. Meist erfolgt die Umsetzung deshalb in einer pragmatischen Form mithilfe von kommunalen Aktionsplänen, die an bestehende Fachplanungen anknüpfen und in diesem Rahmen schrittweise zusätzliche (inklusive) Maßnahmen auf den Weg bringen.

Wie können wir Inklusion im Quartier stärken?

Matthias Sauter: Für die Stärkung der Inklusion auf Quartiersebene ist keine umfassende Masterplanung erforderlich. Entscheidend ist vielmehr, dass Politik, Verwaltung, lokale Akteure und Bewohnerschaft dazu einen Dialog auf Augenhöhe führen, der an die vorhandenen Potenziale und „Energiezentren“ im Quartier (Stadtteilzentren, Seniorentreffs, Begegnungsstätten, Mehrgenerationenhäuser, Quartiersbüros etc.) anknüpft und der die Eigeninteressen der Beteiligten für die Gestaltung der notwendigen Veränderungsprozesse nutzt. Dabei muss auch nicht alles neu sein. Es muss aber alles noch einmal überdacht werden. Auch bereits laufende Maßnahmen sind hier unter dem Gesichtspunkt der Inklusion gegebenenfalls neu zu bewerten. Zusammenfassend stellt sich also die Frage: Was gibt es schon vor Ort, das man inklusiv umgestalten oder weiterentwickeln kann, und was wird möglicherweise auch noch zusätzlich benötigt?

Sofie Eichner: In diesem kleinschrittigen und explorativen Vorgehen liegt außerdem eine große Chance, die Zusammenarbeit zwischen Kommune, freier Wohlfahrtspflege und den betroffenen Menschen und ihren Interessensvertretungen zu stärken. Damit Inklusion nicht nur ein neues Etikett für herkömmliches Handeln ist, sondern tatsächlich zu Verbesserungen bei den Teilhabebedingungen führt, braucht es innerhalb der Kommune aber eine ernsthafte und offene Auseinandersetzung mit dem Thema der inklusiven Quartiersentwicklung, in die alle Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen gleichberechtigt einbezogen werden. Gemäß dem Grundsatz „Nichts über uns ohne uns!“ (Artikel 4 und 29 UN-BRK) gilt dies insbesondere auch für die Menschen mit Behinderungen und deren Selbstvertretungen.

 

Die Autorin und der Autor

Foto: StadtRaumKonzept GmbH

Sofie Eichner, Dipl.-Ing. Raumplanung, ist seit 2000 im Bereich Stadtentwicklung tätig. Seit 2007 ist sie Mitarbeiterin und Gesellschafterin bei der StadtRaumKonzept GmbH. Hier ist sie in den Bereichen sozial-integrative Stadt(teil)entwicklung, soziale Wohnraumversorgung und Wohnungsnotfallhilfe sowie inklusive Stadt- und Quartierentwicklung tätig.

Foto: StadtRaumKonzept GmbH

Dr.-Ing. Matthias Sauter war von 2007 bis 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) an der Universität Duisburg-Essen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die integrierte Stadt(teil)entwicklung, soziale Stadterneuerung, inklusive Stadt- und Quartierentwicklung; anwendungsbezogene Stadt- und Quartierforschung. Seit 01.07.2017 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der StadtRaumKonzept GmbH.