Mehr Teil­ha­be und Selbst­be­stim­mung: Tech­nik mensch­zen­triert und agil ent­wi­ckeln

Engelhardt, Hahn und Laasch (v.l.n.r.) von zero360

David Engelhardt, Anne Hahn und Niklas Laasch (v.l.n.r.) von zero360. Foto: zero360

Die Tech­nik­un­ter­stüt­zung der zukünf­ti­gen Mie­te­rin­nen und Mie­ter stand im Mit­tel­punkt von drei Work­shops, die David Engel­hardt, Niklas Laasch und Anne Hahn von der Ber­li­ner Inno­va­ti­ons­agen­tur zero360 für die Mit­glie­der von SeWo-geför­der­ten Pro­jek­ten kon­zi­piert und durch­ge­führt haben. Im Inter­view erklä­ren die drei Inno­va­ti­ons­be­ra­ter, wie man Ide­en mensch­zen­triert und agil ent­wi­ckelt und umsetzt.

Wie sollten Träger am besten vorgehen, die bei Wohnprojekten stärker auf technische Unterstützung setzen wollen?

Zunächst ist ein grundsätzliches Verständnis darüber wichtig, dass technische Unterstützung kein Selbstzweck ist. Technik befähigt Bewohnerinnen und Bewohner zu selbstbestimmtem Leben und Teilhabe an Quartier und Gesellschaft. Deswegen ist es wichtig, im Rahmen der Entwicklung beziehungsweise Adaption technischer Entwicklungen bei Menschen und ihren Bedürfnissen anzufangen und sie fortwährend in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser vom Menschen aus gedachte Ansatz wird „Human-Centered Design“ genannt. Neben den Bewohnerinnen und Bewohnern gibt es weitere Interessengruppen wie Eltern und Betreuende, die im Rahmen der Entwicklung einer technischen Unterstützung berücksichtigt werden sollten.

Wie haben Sie den Bedarf an Technik beim unterstützten Wohnen in den Workshops bei der SeWo ermittelt?

Im SeWo-Projekt geht es um eine technische Unterstützung, die auch in zehn Jahren noch relevant sein soll und gleichzeitig den Nutzenden ein hohes Maß an Autonomie ermöglicht. Wir haben uns bereits im Vorfeld der Workshops intensiv mit relevanten Trends und technischen Möglichkeiten auseinandergesetzt. Parallel dazu haben wir diverse Einrichtungen besucht, um die Bedürfnisse und Wünsche zukünftiger Bewohnerinnen und Bewohner sowie der Betreuungskräfte zu verstehen. Diese Vorbereitung ist wichtig, um im Workshop passende Lösungen erarbeiten zu können. Basierend auf unserer Vorarbeit haben wir ein Workshopkonzept entwickelt, das auch die Betreuerinnen und Betreuer sowie die Leiterinnen und Leiter aller beteiligten Anbieter sozialer Dienstleistungen einbezieht.

Wie liefen die Workshops ab?

In insgesamt drei Workshops haben die beteiligten Einrichtungen vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Anforderungen gearbeitet, sich aber auch untereinander ausgetauscht, um Erfahrungen und Lösungsansätze zu teilen. Gemeinsam haben wir in einem ersten Schritt beispielhaft Personenbeschreibungen entwickelt, in der Fachsprache „Personas“ genannt, um Bedarfe noch genauer beschreiben zu können. Je konkreter und lebensnaher die Problembeschreibung ist, umso zielgerichteter verläuft auch die anschließende Lösungsentwicklung. Wenn wir Empathie für den Menschen hinter einem Problem entwickeln, ist auch der Grundstein für eine menschzentrierte Technikentwicklung gelegt.
Nach der Beschreibung unserer Personas haben wir die Bedürfnisse priorisiert, für die eine technische Unterstützung gefunden werden sollen. Es ging nicht darum, welche Bedürfnisse sich besonders einfach lösen lassen, sondern in welcher Lösung der größte Mehrwert liegt. Anschließend haben wir uns gemeinsam mit bestehenden Technikkonzepten auseinandergesetzt, zum Beispiel aus geförderten Projekten des Bundesforschungsministeriums, um daraus weitere Ideen für das technikunterstützte Wohnen abzuleiten. Die entwickelten Lösungen haben wir abschließend in greifbare Konzepte überführt. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von „Prototypen“. Dabei sind Videos, Miniaturszenarien und Skizzen entstanden, die zeigen, wie die jeweilige Idee die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern unterstützen kann.

Wie können die Nutzerinnen und Nutzer am besten einbezogen werden?

Neben unseren Besuchen ist es ideal, wenn Nutzerinnen und Nutzer oder auch Vertreterinnen und Vertreter einer Nutzergruppe an unseren Workshops teilnehmen, damit wir gemeinsam mit ihnen Ideen und Konzepte entwickeln können. Wenn, wie in diesem Projekt der Fall, Menschen nicht immer selbst für sich und ihre Bedürfnisse sprechen können oder diese noch nicht konkret feststehen, integrieren wir verschiedene Interessengruppen aus ihrem Umfeld in das Projekt. Das können Personen sein, die täglich mit den Nutzerinnen und Nutzern interagieren, aber auch anerkannte Fachleute. Das Ziel ist eine gemeinsame, ko-kreative Entwicklung von Lösungen. Dabei können die Nutzerinnen und Nutzer immer wieder in die Prozesse einbezogen werden. Sobald ein Konzept steht, sollte dieses in der Praxis zeitnah und unkompliziert getestet werden. Erst auf Basis entsprechender Erkenntnisse ist der Start einer Produktentwicklung ratsam.

Wie viele der Ideen können umgesetzt werden?

Interessant ist, dass Ideen, die zu Beginn des Projektes für ein Bedürfnis einer Nutzerin beziehungsweise eines Nutzers entwickelt wurden, später für mehrere Nutzergruppen anwendbar sind. Es geht im Zweifelsfall auch nicht darum, möglichst viele Ideen zu entwickeln und umzusetzen, sondern die Ideen zu finden, die universeller anwendbar sind beziehungsweise sie universell anwendbar zu gestalten. Wir sprechen dann von „Universal Design“. Häufig sind wirklich gute Ideen klein und unscheinbar. Wir denken dabei beispielsweise an farblich abgesetzte Lichtschalter und Steckdosen, die Menschen mit eingeschränkter Seh- oder Farberkennungsfähigkeit, aber auch Kindern Informationen schnell zugänglich machen. Auch einhändig bedienbare Schneidebretter bieten für einen breiten Personenkreis Mehrwerte.
Ob und wie viele Ideen wirklich konkret umgesetzt werden können, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Wir haben ganz einfache Ideen mit hohem Mehrwert in den Workshops gesehen, aber auch komplexere Kombinationen. In jedem Fall gilt auch hier: Qualität über Quantität.

Was kann die Umsetzung von Ideen verhindern?

Neben Rahmenbedingungen wie Finanzierung oder technischer Machbarkeit scheitern die meisten Umsetzungen daran, dass die Ideen an den eigentlichen Bedürfnissen vorbei entwickelt werden. Tatsächlich beginnt nach der Ideenfindung erst die eigentliche Arbeit. Je innovativer ein Projekt, desto weniger wissen wir über mögliche Hürden einer Umsetzung. Jedes Innovationsprojekt birgt weitere Herausforderungen – von der eigenen Organisation über technische Umsetzungen bis zum Datenschutz. Wichtig ist, flexibel auf Veränderungen im Entwicklungsprozess reagieren zu können. Das nennen wir agile Technikentwicklung. Diese Form der Umsetzung stammt aus der Softwareentwicklung und ist immer dann wichtig, wenn es um Leuchtturmprojekte geht, also neue, teils komplexe Lösungen – einen einfachen Tisch würde man so nicht entwickeln.

Wie kann man komplexe Technik möglichst (kosten-)effizient umsetzen?

Es gibt zwei zentrale Bestandteile, um eine technikgetriebene Idee effizient umzusetzen: In Projekten wie der Einführung von komplexer Technik geht es zu oft um Details, die keine Relevanz für den Mehrwert haben. Hier helfen Nutzertestings, um frühzeitig und in wiederholenden Schleifen die geplante Funktion und Bedeutung zu validieren. Das „Was?“ im Auge zu behalten, also die kritische Funktion einer Lösung und ihre Bedeutung für das jeweilige Projekt, hilft uns dabei, unnötige und kostspielige Funktionen und Ideen auszuklammern. Allein diese Fokussierung erzeugt schon eine immense Effizienz im Produktentwicklungsprozess.
Gleichzeitig führt die Einführung von Technik häufig zu Perfektionsdrang. Hier greifen wir in unseren Projekten auf die agile Entwicklung zurück. Anstelle einer alles umfassenden Projektplanung mit dem Ziel, ein perfektes Produkt mit allen relevanten Funktionen bereits im ersten Schritt komplett umzusetzen, werden priorisierte Funktionen Schritt für Schritt umgesetzt. Die jeweiligen Versionen können dann mit Nutzerinnen und Nutzern getestet werden und die entsprechenden Erfahrungen fließen in die weitere Entwicklung ein. Dieses Vorgehen hilft, die aufwändige Umsetzung unnötiger Funktionen zu vermeiden.

Wie stellen Sie sich, visionär gedacht, die Technik von morgen vor?

Wir Menschen tendieren dazu, in die Zukunft zu schauen und große Erwartungen bezüglich der Technik aufzubauen. Viele visionäre Technologien sind schon vorhanden, aber häufig nicht allgemein zugänglich. Das Internet ist der Grundstein für Informationsaustausch, Kommunikation und viele weitere Grundbedürfnisse und eine Technologie, deren Einfluss auf unser Leben wir erst langsam fassen können. Viele Websites, Geräte und Internet-of-Things-Anwendungen sind aber immer noch nicht auf eine allgemeine Zugänglichkeit ausgelegt. Ein Beispiel dafür sind Schriftarten und -größen vieler Nachrichtenseiten, genauso wie die schlechte Erkennung von Dialekt und ungewöhnlicher Aussprache bei Sprachassistenten. Eine „Technik von morgen“ würde also bedeuten, dass bestehende Potentiale für alle Nutzergruppen gleichberechtigt und einfach umgesetzt werden. Das wäre ein wichtiger Schritt.