Das Pro­gramm

Für Men­schen mit schwe­ren Behin­de­run­gen ist es oft eher die Aus­nah­me, dass sie selbst­stän­dig in einer eige­nen Woh­nung leben kön­nen. Um das zu ändern, hat der Land­schafts­ver­band West­fa­len-Lip­pe ein Pro­gramm für selbst­stän­di­ges, tech­nik­un­ter­stütz­tes Woh­nen im Quar­tier aus­ge­schrie­ben (SeWo-Pro­gramm), das mit zehn Mil­lio­nen Euro beson­ders gelun­ge­ne Kon­zep­te in der Regi­on för­dert.

Inner­halb von fünf Jah­ren wer­den ins­ge­samt 15 Wohn­pro­jek­te ent­wi­ckelt, die gemein­sam mit den künf­ti­gen Mie­te­rin­nen und Mie­tern und in enger Zusam­men­ar­beit mit den Men­schen in direk­ter Nach­bar­schaft der Pro­jek­te umge­setzt wer­den. Die Wohn­pro­jek­te ent­ste­hen in ganz unter­schied­li­chen Quar­tie­ren und mit viel­fäl­ti­gen Ziel­grup­pen und Koope­ra­ti­ons­part­nern – und genau­so bunt und ver­schie­den sind auch die Ansät­ze und Kon­zep­te.

Neben einer pas­sen­den bau­li­chen Gestal­tung gibt es zwei wei­te­re wich­ti­ge Anfor­de­run­gen: Die Mie­te­rin­nen und Mie­ter sol­len pas­send zu ihren Bedürf­nis­sen im Wohn­all­tag mit Tech­nik unter­stützt wer­den und zugleich gut in die Quar­tie­re und Gemein­de­struk­tu­ren ein­be­zo­gen sein.
Im Mit­tel­punkt des Pro­gramms steht aber noch weit mehr als nur der Bau der Häu­ser und Woh­nun­gen. Die Selbst­stän­di­ges Woh­nen gGmbH, die das Pro­gramm für den LWL umsetzt, ver­steht die­ses zugleich als Ide­en­schmie­de für das The­ma Inklu­si­ves Woh­nen im All­ge­mei­nen: Sie will gemein­sam mit den Pro­jekt­trä­gern und mit Wis­sen­schaft­lern Know-how zum The­ma sam­meln, bün­deln, öffent­lich dis­ku­tie­ren und aus­wer­ten. Am Ende sol­len dar­aus Best-Prac­tice-Bei­spie­le ent­ste­hen, damit auch künf­ti­ge inklu­si­ve Wohn­pro­jek­te davon pro­fi­tie­ren und mög­lichst erfolg­reich an den Start gehen kön­nen.

Illustration mit Menschen und Häusern in einem inklusiven Quartier

Illustration: LWL

Nicht nur wohnen, sondern leben – mitten im Quartier

Zu einem selbstständigen Leben gehört viel mehr als nur ein Dach über dem Kopf – zum Beispiel das Wohnviertel, das jeder Mensch ebenso selbstverständlich betreten können möchte wie das eigene Badezimmer. Für Menschen mit schweren Behinderungen ist aber genau das schwierig. Das hat mehrere Gründe, die oft nicht am Handicap, sondern an den Bedingungen im Viertel liegen. Viele Geschäfte, Restaurants, Gemeindezentren oder Parks sind nicht barrierefrei – und Freizeit- und Kultur-Angebote passen nicht zu den Bedürfnissen der Menschen mit Behinderungen. Dazu kommt, dass diese in der Regel ein vergleichsweise kleines soziales Netzwerk haben.

Einer der Schwerpunkte des SeWo-Programms ist deshalb das Thema Quartier. Die Umgebung der geplanten Wohnhäuser muss in den Projekten von Anfang an mitgedacht, einbezogen und an so vielen Stellen wie möglich beeinflusst werden. Dabei helfen so genannte Quartiers- oder Teilhabemanager, die von den Trägern für diese Arbeit eingestellt werden. Sie sollen dabei unterstützen, die künftigen Mieterinnen und Mieter frühzeitig in die Nachbarschaft am Wohnort einzubeziehen – und natürlich auch andersherum. Nur, wenn das Wohnumfeld und die darin vorhandenen Angebote offen und barrierefrei zugänglich sind und viele Möglichkeiten zur Begegnung geschaffen werden, können die Mieterinnen und Mieter der Wohnprojekte ein wirklich selbstständiges Leben führen.

Kleine Helfer im Alltag: Unterstützung durch Technik

In den meisten Wohnungen kommen Menschen mit schweren Behinderungen nicht alleine zurecht. Wenn zum Beispiel eine Mieterin mit Rollstuhl allein in einem nicht barrierefrei ausgebauten Apartment leben möchte, werden für sie schon kleine Hindernisse zu großen Hürden im Alltag: Sie kann nicht alleine die Toilette besuchen, weil die Tür zu schmal und das Bad zu klein ist. Die Wohnungstür kann sie nur dann öffnen, wenn sie dorthin fährt. Und den Balkon kann sie gar nicht nutzen, weil die Schwelle zu hoch ist.

Für viele dieser Alltagshindernisse sind technische Hilfsmittel eine gute Lösung – für Menschen mit verschiedenen Behinderungen genauso wie für ältere Menschen mit körperlichen Einschränkungen. In der Fachsprache heißt dieser Ansatz „Ambient/Active Assisted Living“ (kurz AAL), übersetzt: selbstbestimmtes Wohnen durch innovative Assistenzsysteme. Dieses Konzept ist ein weiterer zentraler Aspekt des SeWo-Programms. Die ausgewählten Wohnprojekte setzen auf neue Technologien wie moderne Haus-Automations- und Gebäudetechniken, auf Schnittstellen für Notrufsysteme oder auch auf soziale Dienstleistungen.

Wichtig ist, dass diese technischen Hilfsmittel möglichst wenig komplex und dabei sehr leistungsfähig sind. Sie müssen von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen einfach bedient werden können und dürfen zugleich nicht zu teuer in der Anschaffung, Installation und Wartung sein. Und: Die technische Unterstützung soll mit dazu beitragen, dass die Mieterinnen und Mieter sich sicher in ihren vier Wänden fühlen können. Einfach bedienbare Notrufsysteme oder Sensorfußböden zum Beispiel, die einen Sturz erkennen und melden, können für schnelle Unterstützung im Notfall sorgen.

15 Wohnprojekte in ganz Westfalen-Lippe

Aus dem Ideenwettbewerb, der im Jahr 2017 startete, wurden Anfang 2018 insgesamt 15 Wohnprojekte ausgewählt. Sie werden im Laufe von fünf Jahren jeweils zehn bis 15 Menschen mit wesentlichen Behinderungen den Weg in die eigenen vier Wände ermöglichen.

Die rund 200 Wohnungen sollen in Bad Driburg, Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Lippstadt, Lübbecke, Münster, Paderborn, Sassenberg, Siegen und in den Kreisen Coesfeld und Unna entstehen. Parallel wird das Institut für Teilhabeforschung der Katholischen Hochschule NRW in Münster (KatHO NRW) die Entwicklungen wissenschaftlich begleiten, auswerten und das gesammelte Wissen später anderen Projekten zur Verfügung stellen.

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