Auf­takt für die Arbeit im Quar­tier

Blick in die Arbeitsgruppe, die an einem runden Tisch gemeinsam Zettel beschriftet.

Beim Quartiersworkshop wurden in drei Arbeitsphasen viele gute Ergebnisse erzielt. Foto: SeWo

Das The­ma Quar­tier und die damit ver­bun­de­ne Arbeit der Quar­tiers- und Teil­ha­be­ge­stal­te­rin­nen und ‑gestal­ter, die von der SeWo geför­dert wer­den, stan­den im Mit­tel­punkt eines Work­shops am 19. Febru­ar 2019 in der Spei­cher­stadt Müns­ter. Dort tra­fen sich die 15 geför­der­ten Wohn­pro­jek­te gemein­sam mit dem Eva­lua­ti­ons­team des Insti­tuts für Teil­ha­be­for­schung der KatHO NRW, einer Mit­ar­bei­te­rin der Stadt­Raum­Kon­zept GmbH und dem Team der SeWo gGmbH.

Nach der Begrüßung durch SeWo-Geschäftsführer Michael Wedershoven erläuterte SeWo-Projektleiter Sören Roters-Möller die Ausgangslage, die Ziele und die Rahmenbedingungen, damit die sogenannten Quartiers- und Teilhabegestalterinnen und -gestalter (QTG) gefördert werden können. Sie sollen so in jedem Wohnprojekt die Arbeiten und Aufgaben, die bisher nicht über die Fachleistungsstunden und personenzentrierte Leistungen abgedeckt sind, wahrnehmen können. So kann auch der Auftrag des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) erfüllt werden, „Leistungsberechtigte zu einer möglichst selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Lebensführung im eigenen Wohnraum sowie in ihrem Sozialraum zu befähigen und sie hierbei zu unterstützen“ (§ 76 SGB XI). Damit werden auch die Komponenten der fallunspezifischen Arbeit berücksichtigt.

Blick über die Schultern und Köpfe der Zuhörenden beim Quartiersworkshop, als Sören Roters-Möller und Bianca Rodekohr das Seminar eröffnen.

Foto: SeWo

Im Kern soll es bei der Förderung darum gehen, die Chancen zu nutzen, die zusätzlich finanzierte Stellen bieten, mit denen das Quartier besser eingebunden und Teilhabepotenziale eröffnet werden können. Dabei geht es nicht darum, sagt Roters-Möller, dass alle Projekte dasselbe machen. Sie sollen stattdessen unter einer gemeinsamen Blickrichtung das Quartier als weiteres Handlungsfeld strukturiert in die Arbeit mit den Klienten und die Organisation einbeziehen und passgenau in Netzwerke, Nachbarschaften und die Kommunalpolitik vor Ort einbringen, um gemeinsam inklusivere Strukturen zu schaffen.

SeWo-Projektleiterin Bianca Rodekohr ergänzte, dass dafür die jeweiligen Grenzen eines Quartiers weniger wichtig sind als vielmehr die sozialräumlichen Kenntnisse, die die Anbindung erleichtern und eine Vorstellung von den Eigen- und Besonderheiten des jeweiligen Quartiers ermöglichen. Diese räumliche Aneignung sei für alle Beteiligten herzustellen, um daraus auch jenseits des Systems der Behindertenhilfe Ressourcen zu entdecken und einzubeziehen. Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln und Gelingens- und Hindernisfaktoren zu eruieren, um eine realistische Bewertung zu evaluieren, sagte Bianca Rodekohr. Dabei gilt es darauf zu achten, dass die Stelle der Quartiers- und Teilhabegestalterinnen und -gestalter nicht überfrachtet mit Anforderungen wird, sondern dass sich die gesamte Organisation auf den Weg macht und den Sozialraumbezug auch strukturell verankert.

Prof. Friedrich Dieckmann und Monika Laumann vom Institut für Teilhabeforschung an der KatHO in Münster, die das SeWo-Programm wissenschaftlich begleiten, trugen mit Ihrem Impulsvortrag „Inklusion und soziale Teilhabe“ dazu bei, die Begrifflichkeiten einzuordnen und daraus Handlungsanforderungen an die Arbeit im Quartier abzuleiten. Der Begriff „Sozialraum“ kann dabei unterschiedlich konnotiert sein und wird dementsprechend unterschiedlich genutzt. Bei Quartiersansätzen für Menschen mit Behinderung gehe es vor allem darum, wie Versorgungssicherheit und Teilhabeoptionen für den Einzelnen geschaffen werden können. Anhand des SONI-Modells (Früchtel und Budde 2010) werden die verschiedenen Handlungsebenen (Sozialstruktur, Organisation, Netzwerk, Individuum) sozialräumlichen Arbeitens, die alle für das Quartier von Bedeutung sind, in den Blick genommen und eingeordnet.

Blick über die Schultern und Köpfe der Zuhörenden beim Quartiersworkshop während des Vortrags von Friedrich Diekmann.

Foto: SeWo

Neben Inputs der KatHO und der SeWo komplettierte Sofie Eichner von StadtRaumKonzept Dortmund die Impulse, die als Expertin für die inklusive Quartiersentwicklung aus der Praxis der Beratung von Kommunen berichtete. In ihrem Vortrag „Inklusive Quartiere – Erfahrungen, die Mut machen“ machte sie mit guten Beispielen aus der Praxis Lust auf die Arbeit im Quartier. Dabei betonte Sofie Eichner, dass an der Quartiersentwicklung alle – also Kommunen, Anbieter, Bürgerinnen und Bürger – arbeiten müssten und somit niemand allein agiert. Es gibt bereits viele Akteure, die sich auf den Weg machen und mit ihren Ideen Quartiere gestalten. Daher ist es wichtig, an diese „positiven Energiezentren“ anzuknüpfen und gemeinsam den Weg zu beschreiten und auch kleine Fortschritte als Erfolg zu betrachten.

Anbieter der Eingliederungshilfe hätten so die Chance, mit ihrem Expertenwissen und gemeinsam mit den Menschen mit Behinderung Erfahrungen einzubringen. Dabei geht es gar nicht immer darum, konkrete Lösungen parat zu haben, sondern sich Fragen zu stellen, wie inklusiver gehandelt und gestaltet werden kann. Daraus können dann Handlungsoptionen und Umsetzungsideen entstehen. Dabei müssen dann immer die individuellen Eigenheiten und Erscheinungsbilder der Quartiere und Beteiligten in den Blick genommen werden. Sofie Eichner stellte anschließend konkrete Beispiele aus Kommunen vor, die erste Schritte auf den Weg in die inklusive Entwicklung gemacht haben. Sie lieferten erste Ansatzpunkte für die SeWo-Projekte.

Blick über die Schultern und Köpfe der Zuhörenden beim Quartiersworkshop; links im Bild die Vortragende Sofie Eichner.

Foto: SeWo

In drei Arbeitsphasen wurden gemeinsam mit den Projektpartnern erste Schritte auf dem Weg zum Konzept und zur inhaltlichen Ausgestaltung der Rolle und Aufgaben der zukünftigen Quartiers- und Teilhabegestalterinnen und -gestalter (im Folgenden immer QTG abgekürzt) erarbeitet:

Die erste Arbeitsphase diente dazu, sich über die zukünftigen Mieter klar zu werden. Über ihre bisher nur antizipierte Wünsche und Beeinträchtigungen wurden erste Ressourcen und Hindernisse im jeweiligen Quartier benannt und projektbezogen erste Ziele der Quartiersarbeit erarbeitet. Dabei wurde deutlich, wie stark sich die Personenkreise unterscheiden und welche unterschiedlichen Anforderungen und Anknüpfungspunkte sich an das Quartier ergeben. Außerdem wurde klar, dass vielfach schon Netzwerkkontakte bestehen, die intensiviert werden können – oder auch Probleme, die es in vielen Quartieren gibt – wie fehlende Barrierefreiheit –, und die für viele Projekte einen Handlungsansatz bieten.

Blick in die Arbeitsgruppe, die an einem runden Tisch gemeinsam Zettel beschriftet.

Beim Quartiersworkshop wurden in drei Arbeitsphasen viele gute Ergebnisse erzielt. Foto: SeWo

Foto eines Flipcharts mit bunten, beschrifteten Ergebniskarten unter der Überschrift "Sozialräumliche Aufgaben".

Foto: SeWo

In der zweiten Arbeitsphase wurden zunächst Methoden, Ansätze und Beispiele zur sozialräumlichen Arbeit in den vier SONI-Handlungsfeldern vorgestellt. Im Anschluss daran wurden mit den Projektbeteiligten im Plenum die Erfahrungen aus der bisherigen sozialräumlichen Arbeit ausgetauscht und Ideen aufgenommen. In der dritten Arbeitsphase wurde der Fokus auf die Einbindung der (neuen) QTG-Kräfte in die Organisation der Anbieter gelegt. Um die Rollen, Aufgaben und Herausforderungen darzustellen, wurden die Aufgaben der QTG und der betreuenden Mitarbeiterinnen sowie der Leitungskräfte diskutiert und dokumentiert.

Dabei entspann sich in allen Arbeitsgruppen eine kontroverse Diskussion zu Rolle und Aufgaben der QTG im Zusammenspiel mit den anderen Mitarbeitenden in der ambulanten Unterstützung.
Es ist wichtig, im Vorfeld die Einbindung der QTG in die Organisation festzulegen und Zuständigkeiten zu definieren. Gleichzeitig können die QTG nicht unabhängig von allen anderen Mitarbeitenden agieren, so dass enge Schnittstellen, Kommunikation und Abstimmung mit den Teams notwendig ist. Darüber hinaus sind Aufgaben und Anliegen der QTG auch gegenüber der Leitung zu kommunizieren, um die sozialräumliche Arbeit innerorganisatorisch zu verankern und nachhaltig zu gestalten. Die Förderung der QTG wird dabei von einigen auch als Chance gesehen, sich als Organisation den zukünftigen Anforderungen des Bundesteilhabegesetzes besser anzupassen und strategisch zu entwickeln.

Hier finden Sie die Ergebnisse der Arbeitsphasen.

Foto über einen runden Tisch mit Kaffeetassen hinweg auf zwei Flipcharts mit bunten Ergebniskarten.

Foto: SeWo

Zum Abschluss des Workshops wurden die Förderbedingungen und Vertragsunterlagen vorgestellt, damit die Wohnprojekte den finanziellen Rahmen von 70.000 € für die Beschäftigung eines QTG abrufen können. Bestandteile der Förderung sind:

  • Allgemeine Vertragsbestimmungen
  • Projektbezogener Fördervertrag
  • Konzept zur Quartiersarbeit und der Arbeit der QTG
  • Finanzplan
  • Regelmäßige Dokumentation der Tätigkeiten der QTG in Form von „Quartierstagebüchern“

Damit sind die Projekte im Rahmen der Evaluation miteinander vergleichbar. So können der Verlauf der Aktivitäten sowie Hindernisse und Erfolge der Quartiersarbeit im Rahmen der Förderung dargestellt und die wichtigen Erkenntnisse auch auf andere Projekte übertragen werden.