WOHN:SINN: In einer WG leben – mit und ohne Behin­de­rung

Gemischte Gruppe von Menschen am Küchentisch einer inklusiven Wohngemeinschaft.

Foto: WohnSinn

Tobi­as Pols­fuß hat neben sei­nem Stu­di­um ehren­amt­lich die Platt­form WOHN:SINN gegrün­det, auf der Men­schen mit und ohne Behin­de­rung inklu­si­ve Wohn­ge­mein­schaf­ten fin­den kön­nen. Außer­dem stellt er dort vie­le Infor­ma­tio­nen und Leit­fä­den rund um das The­ma zur Ver­fü­gung. Im Inter­view erzählt der Grün­der, wie er das Por­tal auf­ge­baut hat und es nun mit vie­len Part­nern in pro­fes­sio­nel­le Struk­tu­ren über­füh­ren will.


Herr Polsfuß, Sie haben ein Internet-Portal für inklusive WGs gegründet. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Ich wohne selbst seit über sechs Jahren in einer inklusiven Wohngemeinschaft von Gemeinsam Leben Lernen e.V. in München. Dort lebe ich mit fünf Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern mit sogenannten geistigen Behinderungen und drei weiteren Leuten ohne Behinderungen zusammen. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt, mich aber gewundert, dass das Konzept noch so unbekannt ist. Irgendwann kam ich zu der Entscheidung: Das nehme ich selbst in die Hand. Und da man im Internet nun mal mit geringen Ressourcen am meisten erreichen kann, habe ich 2016 WOHN:SINN ins Leben gerufen.

Was bedeutet es, eine inklusive WG zu gründen?

Leider ist es noch immer sehr viel mehr Aufwand, als eine klassische Studenten- oder Berufstätigen-WG zu gründen. Man muss passenden Wohnraum finden, zum Beispiel in Bezug auf die Größe der WG oder die nötige Barrierefreiheit, braucht ein stimmiges Konzept und gute Partner für die Unterstützung der behinderten WG-Mitglieder. Aber das Ergebnis lohnt sich, das kann ich sagen. Ich habe im Zuge von WOHN:SINN schon ganz viele WGs besucht und bin immer wieder begeistert von der überall ähnlichen offenherzigen Atmosphäre. Und nicht zuletzt unterstützen wir ja auch bei der Gründung. Zum Beispiel durch unseren Gründungsleitfaden oder durch Vorträge, Workshops und Beratung.

Reicht es nicht, sich auf den bekannten Portalen anzumelden?

Das reicht absolut! Unser Ziel ist es nicht, eine neue WG-Börse aufzubauen. Für die Vermittlung von Zimmern setzen wir auf Kooperationen mit bekannten Portalen wie unserem Partner wg-suche.de. WOHN:SINN bietet darüber hinaus reichhaltiges Wissen rund um inklusives Wohnen. Zum Beispiel Ratgeber-Artikel, Veranstaltungshinweise, Konzepte inklusiver WGs und unseren Gründungsleitfaden. Und dafür muss man sich noch nicht mal anmelden.

Wie groß ist der Bedarf deutschlandweit (oder beispielhaft an Städten) für inklusive WG-Zimmer?

Groß, insbesondere bei Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen! Sie haben leider oft nur die unattraktive Wahl zwischen einem Leben bei ihren Angehörigen oder dem Einzug in ein Heim. Die Wartelisten von Trägern inklusiver Wohngemeinschaften gehen deshalb schon mal in den hohen zweistelligen Bereich. Auch bei Menschen ohne Behinderungen wird die Wohnform durch die wachsende Bekanntheit zunehmend beliebter. Uns erreichen immer wieder Initiativanfragen für WGs, die gar kein Zimmer ausgeschrieben haben.

Wie waren die ersten Reaktionen auf Ihre Plattform?

Durchwegs positiv. Vor allem von dem großen Medienecho war ich echt überrascht. Ich war damals ja nur ein junger Student, der ehrenamtlich eine Internetseite aufgebaut hat. Aufgrund des großen Interesses und des vielen positiven Feedbacks ist WOHN:SINN nun auf dem besten Weg, mein Hauptberuf zu werden.

Auf der Seite sind rund 100 Angebote zu finden. Wie wollen Sie die Zahl steigern?

Ich denke, die Anzahl der Inserate ist nicht die aussagekräftigste Zahl. Das sagt ja schließlich nichts darüber aus, wie viele Menschen in eine inklusive WG ziehen oder eine gründen wollen. Um das zu steigern, setzen wir auf Wissenstransfer. Unser Ziel ist es, das Wissen der erfolgreichen inklusiven Wohnprojekte zu denen zu bringen, die selbst eins umsetzen wollen. Dafür planen wir den Ausbau unserer Plattform, zum Beispiel durch Video-Tutorials und noch stärkere regionale Begleitung von Gründerinnen und Gründern inklusiver Wohngemeinschaften.

Wer unterstützt Sie, wie finanzieren Sie das Angebot?

Die letzten Jahre wurde die Onlineplattform hauptsächlich durch mein ehrenamtliches Engagement getragen. Über die Plattform haben sich freiberufliche Aufträge für Workshops, Vorträge und Beratung ergeben, wodurch ich immerhin einen guten Nebenverdienst hatte. Um WOHN:SINN nun nachhaltig aufzubauen, haben wir vergangenes Jahr einen Verein gegründet: ein deutschlandweites Bündnis aus inklusiven Wohnprojekten, Stiftungen, Wohnbaugenossenschaften, Forschungsinstitutionen, Interessenverbänden, Anbietern der Behindertenhilfe, Inklusionsaktivistinnen und -aktivisten und anderen Engagierten. Im Prinzip sind es all diejenigen, die den Aufbau der Plattform in den vergangenen Jahren unterstützt haben. Ich bin sehr froh, dass es eine so bunte Mischung ist. Die Wohnsituation behinderter Menschen wird sich nur verbessern, wenn wir sie von allen Seiten anpacken. Mit unserem Verein beantragen wir jetzt gerade Fördergelder. Wenn alles klappt, kann WOHN:SINN ab 2020 mit hauptamtlichen Strukturen so richtig durchstarten.